Ausgangslage und Fragestellung
Wie gross ist die Lücke zwischen Bedarf und Nachwuchs in der Schweizer Pflege? Die Frage wird öffentlich meist mit einer einzigen Zahl beantwortet, und diese Zahl ist in aller Regel falsch eingeordnet. Der Tages-Anzeiger und Der Bund titelten, bis 2030 fehlten der Schweiz 20'000 Pflegekräfte; der Blick nannte 36'500 fehlende Fachkräfte bis 2029. Am häufigsten kursiert die Grösse 43'000.
Für die Personalplanung einer Pflegeeinrichtung ist die Unterscheidung nicht akademisch. Ob eine Zahl den künftigen Ausbildungsbedarf, das Wachstum des Personalbestands oder tatsächlich unbesetzte Stellen bezeichnet, entscheidet darüber, welche Massnahme sie nahelegt. Dieser Beitrag ordnet deshalb zuerst die Grössen und leitet erst danach ab, was aus ihnen für die Personalgewinnung folgt.
Befund I: Woher der Bedarf kommt
Der Treiber des Bedarfs lässt sich am saubersten demografisch zeigen. Im Referenzszenario des Bundesamts für Statistik wächst die Zahl der Personen ab 65 Jahren von 1,8 Millionen Ende 2024 auf 2,7 Millionen im Jahr 2055, während die ständige Wohnbevölkerung von 9,0 auf 10,5 Millionen steigt (BFS, Szenarien 2025 bis 2055). Die Altersgruppe wächst damit um rund 50 Prozent, die Gesamtbevölkerung um rund 17 Prozent. Im hohen Szenario erreicht die Wohnbevölkerung 11,7 Millionen, im tiefen 9,3 Millionen.
Der Bedarf wächst jedoch nicht nur über die Zahl der Personen, sondern auch über die Pflegeintensität. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Alters- und Pflegeheime benötigten 2023 im Durchschnitt 110 Pflegeminuten pro Person und Tag, 4 Prozent mehr als im Vorjahr (BFS, Erhebungsjahr 2023). Reine Kopfzahlrechnungen übersehen diesen Anteil des Wachstums.
Auch das Leistungsvolumen ausserhalb der Heime steigt. Die Spitex-Dienste erbrachten 2024 insgesamt 25,6 Millionen Pflegestunden für rund 424'000 Klientinnen und Klienten, ein Plus von 10,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der stärkste Anstieg seit 2011 (BFS, Erhebungsjahr 2024). Der Zuwachs geht wesentlich auf die erwerbswirtschaftlichen Anbieter zurück, die ihr Leistungsvolumen um über 23 Prozent steigerten. Die Zahl ist deshalb ebenso ein Angebots- und Strukturindikator wie ein Bedarfsindikator.
«Wir sind vollständig ausgelastet.»
Hugo Baeriswyl, Geschäftsleiter Verein Spitex Sense, Tafers FR, gegenüber Nau.ch, 2023
Befund II: Nachwuchsbedarf und Deckungsgrad bis 2029
Der Nationale Versorgungsbericht 2021 rechnet damit, dass der Bedarf an Pflege- und Betreuungspersonal von 185'600 Personen im Jahr 2019 auf 222'100 Personen im Jahr 2029 steigt. Das entspricht einem Zusatzbedarf von rund 36'400 Personen (Obsan Bericht 03/2021, Bezugsperiode 2019 bis 2029).
Davon zu unterscheiden ist der Nachwuchsbedarf, der den Ersatz der Abgänge einschliesst. Er beträgt für die Tertiärstufe 43'400 Personen und für die Sekundarstufe II 27'100 Personen (Obsan Bericht 03/2021). Zusammen ergibt das einen Gesamtnachwuchsbedarf Pflege von 70'500 Personen bis 2029 – eine Grösse, die in der Debatte kaum je genannt wird.
Die Lücke drücken die Autorinnen und Autoren nicht als absolute Kopfzahl aus, sondern als Deckungsgrad. Im Referenzszenario können bis 2029 nur 67 Prozent des Nachwuchsbedarfs auf Tertiärstufe und 80 Prozent auf Sekundarstufe II mit den erwarteten inländischen Ausbildungsabschlüssen gedeckt werden (Obsan Bericht 03/2021).
Bemerkenswert ist, dass dieser Wert trotz erheblicher Ausbildungsanstrengungen zustande kommt. Zwischen 2012 und 2019 stieg die Zahl der Ausbildungsabschlüsse in Pflege und Betreuung um 74 Prozent, was einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 8,3 Prozent entspricht (VAKA, gestützt auf Obsan Bericht 03/2021).
Befund III: Die neuen Prognosen bis 2034
Die 2026 veröffentlichten Obsan-Prognosen verschieben das Bild. Nach ihnen müssten jährlich 6'700 bis 9'300 Pflegefachpersonen auf Stufe Höhere Fachschule oder Fachhochschule ein Diplom erlangen, um die Versorgung zu sichern. Im Jahr 2024 waren es 3'350 (Obsan-Prognosen 2026, wiedergegeben von Medinside). Das Verhältnis nötiger zu tatsächlichen Diplomen liegt damit bei rund 1 zu 2 bis 1 zu 2,8.
Entsprechend fällt der Deckungsgrad tiefer aus: Mit inländischen Abschlüssen kann die Schweiz bis 2034 nur 40 bis 55 Prozent des Bedarfs an diplomierten Pflegefachpersonen decken, im mittleren Szenario 47 Prozent (Obsan-Prognosen 2026, wiedergegeben von ARTISET und Medinside).
Als jährliche Lücke ausgewiesen wird eine andere Grösse: Ohne zusätzliche Massnahmen fehlen bis 2034 jährlich zwischen 4'400 und 6'000 diplomierte Pflegefachpersonen in den Gesundheitsinstitutionen. Hinzu kommen jährlich zwischen 1'800 und 2'900 Fachpersonen Gesundheit und Fachpersonen Betreuung mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (Obsan-Prognosen 2026, wiedergegeben von ARTISET).
Der zusätzliche Bedarf an Pflege- und Betreuungspersonal steigt zwischen 2024 und 2034 je nach Szenario um 11 bis 33 Prozent, im mittleren Szenario um 22 Prozent. Zugleich werden bis 2034 rund 32 Prozent des heutigen Pflege- und Betreuungspersonals ihre Stelle in einer Gesundheitsinstitution verlassen (Obsan-Prognosen 2026, wiedergegeben von ARTISET und Medinside).
Befund IV: Bestand und Struktur des Personals
Zur Einordnung der Bedarfszahlen gehört der Bestand. Im Jahr 2018 waren in der Schweiz mehr als 214'000 Personen im Pflegebereich von Spitälern, Pflegeheimen und Spitex tätig, was rund 146'700 Vollzeitäquivalenten entsprach; zwischen 2012 und 2018 wuchs der Pflegepersonalbestand um 17 Prozent (BFS, Erhebungsjahr 2018). Aus dem Verhältnis von Personen zu Vollzeitäquivalenten ergibt sich ein durchschnittlicher Beschäftigungsgrad von rund 69 Prozent.
Das Pflegepersonal setzte sich 2018 aus 48 Prozent diplomierten Pflegefachpersonen, 25 Prozent Pflegepersonal auf mittlerer Stufe und 27 Prozent Pflegehelferinnen und Pflegehelfern zusammen (BFS, Erhebungsjahr 2018). Knapp die Hälfte des Pflegepersonals gehört damit jener Gruppe an, auf die sich die 43'400 beziehen.
Aktueller ist die Heimstatistik: Die Beschäftigung in Vollzeitäquivalenten in den Alters- und Pflegeheimen stieg 2023 um 2,4 Prozent auf 103'355 Stellen; besonders stark nahm das Pflegepersonal mit ausländischem Diplom zu, um 4,2 Prozent (BFS, Erhebungsjahr 2023).
Einordnung: Was die Zahl 43'400 bezeichnet
Die im Umlauf befindliche Zahl 43'000 ist die gerundete Fassung der 43'400 aus dem Versorgungsbericht 2021. Sie bezeichnet den Bedarf an neu auszubildenden Pflegefachpersonen auf Tertiärstufe. Sie ist kein Jahreswert, sondern ein Elfjahreswert, sie bezieht sich nur auf eine von drei Qualifikationsstufen, und sie enthält neben dem Zusatzbedarf auch den Ersatzbedarf aus Pensionierungen und weiteren Abgängen.
Die Lücke ist im Modell des Berichts etwas anderes: die Differenz zwischen diesem Nachwuchsbedarf und den erwarteten Ausbildungsabschlüssen. Sie entsteht laut Bericht im Wesentlichen durch vorzeitige Berufsaustritte und durch Verluste beim Übergang von der Ausbildung in den Arbeitsmarkt. Daraus folgt rechnerisch: Bei einem Deckungsgrad von 67 Prozent bleiben rund 14'300 der 43'400 Ausbildungsplätze über elf Jahre ungedeckt – gerundet und auch dann noch eine Ausbildungs-, keine Stellenlücke.
Wer diese Zahl als Zahl der fehlenden Pflegenden bezeichnet, überzeichnet den Mangel damit um ein Mehrfaches. Der gleiche Fehler wiederholt sich bei den 36'400: Sie sind der Zusatzbedarf, also das Wachstum des nötigen Bestands, und wurden in der Berichterstattung zu 36'500 fehlenden Fachkräften. Die drei Grössen – Zusatzbedarf, Nachwuchsbedarf und Deckungsgrad – messen Verschiedenes und dürfen nicht vermischt werden.
Auf Jahresebene setzt sich die Verwechslung fort. Die Differenz zwischen den nötigen 6'700 bis 9'300 Diplomen und den 3'350 des Jahres 2024 ist ein Ausbildungsdefizit pro Jahr, nicht die Zahl unbesetzter Stellen. Als jährliche Lücke ausgewiesen sind allein die 4'400 bis 6'000 fehlenden diplomierten Pflegefachpersonen bis 2034, und deren Bezugsgrösse sind die Gesundheitsinstitutionen, nicht der gesamte Arbeitsmarkt.
Einordnung: Was daraus für den Arbeitsmarkt folgt
Aus dem Nebeneinander von 74 Prozent mehr Abschlüssen zwischen 2012 und 2019 und einem Deckungsgrad von 67 Prozent bis 2029 folgt ein erster Schluss: Der Ausbau der Ausbildung hat stattgefunden, und die Lücke besteht dennoch. Legt man die neueren Werte daneben – im mittleren Szenario 47 Prozent Deckung bis 2034 -, hat sich der Abstand als Grössenordnung eher vergrössert als verkleinert.
Daraus folgt zweitens, dass die Zahl der Personen, die neu und ohne Anstellung auf den Arbeitsmarkt treten, klein ist gemessen am Bedarf der Institutionen. Bei 3'350 Diplomen im Jahr 2024 gegenüber einem ausgewiesenen Jahresbedarf von 6'700 bis 9'300 konkurrieren sämtliche Einrichtungen der Schweiz um denselben Jahrgang.
Drittens verschiebt die Zahl von 32 Prozent Abgängen bis 2034 das Gewicht. Sie bezeichnet den Austritt aus der Stelle in einer Gesundheitsinstitution, nicht zwingend den Berufsausstieg; ein Teil dieser Bewegung sind Wechsel innerhalb der Branche. Daraus folgt, dass ein erheblicher Teil der Personalbewegungen von Menschen ausgeht, die im Moment ihrer Entscheidung eine Stelle haben.
Für die Personalgewinnung ergibt sich daraus eine Anforderung, die sich aus den Zahlen selbst herleiten lässt: Ein Verfahren, das ausschliesslich auf Bewerbungen aktiv Suchender ausgerichtet ist, adressiert nur einen Ausschnitt des relevanten Personenkreises. Es erreicht Wechselbewegungen bereits Angestellter allenfalls zufällig. Wo das Angebot an neu diplomierten Fachpersonen strukturell unter der Hälfte des Bedarfs liegt, greift ein solches Verfahren zu kurz.
Hinzu kommt eine Grösse, die in Stellenrechnungen oft fehlt. Das Verhältnis von 214'000 Personen zu 146'700 Vollzeitäquivalenten im Jahr 2018 entspricht einem durchschnittlichen Beschäftigungsgrad von rund 69 Prozent. Kopfzahlen und Kapazität fallen in der Pflege deutlich auseinander, und Veränderungen der Pensen wirken auf die verfügbare Kapazität wie Ein- und Austritte.