Ausgangslage und Fragestellung
Die Alterung der Schweizer Bevölkerung ist keine Prognose mehr, sondern eine Rechnung mit bereits geborenen Jahrgängen. Was daraus für die Langzeitpflege folgt, hat das Obsan im September 2025 aktualisiert. Der Bericht 09/2025 beziffert, wie viele Betten, Plätze und Pflegestunden nötig wären, wenn sich an der Art der Versorgung nichts ändert.
Für Betreiber von Pflegeeinrichtungen stellt sich damit eine doppelte Frage. Wie viel Kapazität müsste entstehen, und womit wird diese Kapazität betrieben? Dieser Beitrag behandelt beide Grössen getrennt, weil sie unterschiedlichen Restriktionen unterliegen.
Befund I: Der Bettenbedarf bis 2040
Das Obsan rechnet für die stationäre Langzeitpflege mit einem Anstieg des Bettenbedarfs um 50 Prozent bis 2040. In absoluten Zahlen sind das 36'900 zusätzliche Betten (Obsan, Bericht 09/2025). Die Grösse bezeichnet einen Bedarf unter der Annahme unveränderter Versorgungspolitik. Sie ist weder eine heute bestehende Lücke noch eine beschlossene Ausbauplanung.
Umgerechnet auf Einrichtungen durchschnittlicher Grösse entsprechen die 36'900 Betten 626 neuen Pflegeheimen, die innert fünfzehn Jahren entstehen müssten (Obsan 09/2025, wiedergegeben in Medinside, 15. September 2025). Der Umrechnung liegt eine mittlere Heimgrösse von rund 59 Betten zugrunde.
Neben der Langzeitpflege weist der Bericht einen eigenen Bedarf an Kurzzeitpflegebetten aus: 1'242 zusätzliche Betten bis 2040, eine Zunahme von über 60 Prozent (Obsan 09/2025). Diese Betten gehören einer anderen Versorgungskategorie an und sind in den 36'900 nicht enthalten.
Im ambulanten Bereich steigt das Leistungsvolumen der Spitex bis 2040 um den Faktor 1,4. Gesamtschweizerisch wäre dafür zusätzliches Personal im Umfang von 7'397 Vollzeitäquivalenten nötig (Obsan 09/2025). Regional fällt der Faktor unterschiedlich aus; in Regionen mit ausgeprägter Heimorientierung liegt er höher.
Befund II: Die Prognose wurde nach unten revidiert
Der Vorgängerbericht des Obsan aus dem Jahr 2022 kam für denselben Horizont noch auf 54'335 zusätzlich benötigte Langzeitpflegebetten, eine Zunahme von 69 Prozent, was rund 921 Pflegeheimen entsprochen hätte (Obsan, Bericht 03/2022). Die Fassung von 2025 liegt damit um 295 Heime tiefer.
Die Revision ist bemerkenswert, weil sie in die entlastende Richtung geht. Sie beruht auf aktualisierten Bevölkerungsszenarien des BFS aus dem Jahr 2025 und auf neueren Daten zur Inanspruchnahme der Angebote. Die ältere Zahl ist damit überholt und taugt nur noch als Vergleichswert.
Auch in der revidierten Fassung bleibt die Wachstumsrate hoch. Das Obsan hält fest, dass die Alters- und Pflegeheime bei unveränderter Versorgungspolitik bereits vor 2030 an ihre Kapazitätsgrenzen stossen könnten (Obsan 09/2025). Es handelt sich um eine bedingte Aussage, nicht um die Prognose eines sicheren Engpasses.
Befund III: Was heute steht
Dem Bedarf steht ein Bestand gegenüber, der nicht wächst. Die Zahl der Alters- und Pflegeheime in der Schweiz ging von 1'485 im Jahr 2022 auf 1'480 im Jahr 2023 zurück (BFS, SOMED). Das Platzangebot blieb 2023 mit 100'727 Plätzen stabil (BFS, Medienmitteilung zur sozialmedizinischen Betreuung 2023).
In diesen Einrichtungen wurden 2023 insgesamt 170'211 Personen betreut, ein Prozent mehr als im Vorjahr (BFS). Die Zahl ist eine Jahressumme und liegt deshalb deutlich über der Zahl der Plätze. Sie beschreibt den Durchlauf, nicht die Belegung an einem Stichtag.
Die Kosten der Alters- und Pflegeheime beliefen sich 2023 auf 11,7 Milliarden Franken, fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Zusammen mit der Spitex waren es 15 Milliarden Franken und damit das stärkste Wachstum des vergangenen Jahrzehnts (BFS).
Befund IV: Nicht nur mehr Menschen, sondern mehr Pflege je Person
Neben der Zahl der Bewohnenden steigt die Pflegeintensität. Pro Bewohnerin oder Bewohner wurden 2023 im Durchschnitt 110 Pflegeminuten pro Tag erbracht, vier Prozent mehr als 2022 (BFS). Das sind eine Stunde und fünfzig Minuten je Person und Tag, gemittelt über alle Bewohnenden.
Der Wert ist für die Personalrechnung erheblich. Er zeigt, dass zusätzlicher Personalbedarf nicht allein aus zusätzlichen Betten entsteht, sondern auch aus einem höheren Aufwand je belegtem Bett. Beide Entwicklungen wirken in dieselbe Richtung.
Das Personal wuchs 2023 um 2,4 Prozent auf 103'355 Vollzeitäquivalente (BFS, SOMED). Für 2024 weisen CURAVIVA und ARTISET in ihrem Faktenblatt Pflegefinanzierung 147'476 beschäftigte Personen aus, entsprechend rund 105'980 Vollzeitstellen. Das Verhältnis von Personen zu Vollzeitstellen ergibt einen durchschnittlichen Beschäftigungsgrad von rund 72 Prozent.
Befund V: Der Bestand wächst nicht mit
Der Bedarfsrechnung steht eine Entwicklung gegenüber, die in die andere Richtung zeigt. Das Bettenangebot der Alters- und Pflegeheime stieg 2024 um 0,1 Prozent auf knapp 101'000 Betten. In sieben Kantonen ging es zurück (BFS, Erhebungsjahr 2024).
Gleichzeitig steigt die Auslastung. Für Langzeitaufenthalte lag sie 2024 bei 94,2 Prozent nach 93 Prozent im Vorjahr. In den Westschweizer Kantonen sowie in Zug und Basel-Landschaft überschritt sie 97 Prozent (BFS, Erhebungsjahr 2024).
Das Wachstum findet ambulant statt. Die Spitex-Dienste erbrachten 2024 insgesamt 25,6 Millionen Pflegestunden, ein Plus von 10,2 Prozent und der stärkste Anstieg seit 2011. Rund 130 neue gewinnorientierte private Anbieter liessen sich im selben Jahr in verschiedenen Kantonen nieder. Die kantonalen Zuwächse gehen weit auseinander: Aargau meldete 19 Prozent mehr verrechnete Spitex-Pflegestunden, Zürich 18 Prozent, die Westschweizer Kantone im Mittel 7 Prozent (BFS, Erhebungsjahr 2024).
Damit entsteht eine Spannung, die für die Auslegung der Bedarfsrechnung zentral ist. Das Szenario unterstellt eine unveränderte Versorgungspolitik und leitet daraus 36'900 zusätzliche Betten ab. Das tatsächliche Verhalten der Träger und Kantone im Jahr 2024 entspricht dieser Annahme nicht: Der stationäre Bestand stagniert, sieben Kantone bauen ab, und das Volumen verlagert sich in den ambulanten Bereich.
Für die Auslegung folgt daraus zweierlei. Entweder greift die Annahme unveränderter Versorgungspolitik bereits heute nicht mehr, dann fällt der stationäre Bedarf tiefer aus als im Szenario. Oder die Verlagerung stösst an Grenzen, dann trifft eine wachsende Nachfrage auf einen Bestand, der bei 94,2 Prozent Auslastung kaum noch Reserve hat. Welcher der beiden Pfade eintritt, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht bestimmen.
Befund VI: Wo der Mangel auf die Rechnung durchschlägt
Bei einer Auslastung von 94,2 Prozent ist ein Bett, das nicht besetzt werden kann, kein Planungsthema, sondern ein Ertragsausfall in der laufenden Rechnung. Die Kapazität ist gebaut, bewilligt und finanziert; es fehlt allein die Fachperson, die sie betreibbar macht.
Das Alters- und Pflegeheim Casa Sogn Martin in Trun hatte nach Darstellung der Südostschweiz während zweier Monate sieben unbelegte Betten und konnte keine neuen Bewohnenden aufnehmen. Es handelt sich um die Schilderung eines einzelnen Hauses. Sie zeigt jedoch die Form, in der sich der Mangel betriebswirtschaftlich niederschlägt: nicht als ausbleibende Nachfrage, sondern als nicht verkaufbare Kapazität bei bestehender Nachfrage.
Im Spitalbereich ist dasselbe Muster breiter dokumentiert. Über 60 Prozent der in einer Erhebung befragten Spitäler hatten einen Teil ihrer Betten wegen fehlenden Personals geschlossen. Fehlendes Pflegepersonal verursacht dort zwei Kostenwirkungen zugleich: Aufwand für Fremdpersonal und Erlösausfälle durch gesperrte Betten.
Die Wirkung reicht über das einzelne Haus hinaus. Fehlen in den Heimen Plätze, verbleiben Patientinnen und Patienten länger im Spital, weil die Anschlusslösung fehlt. Der Engpass verschiebt sich damit in die teurere Versorgungsstufe.
Zur Einordnung der Grössenordnung: Die Alters- und Pflegeheime wiesen 2018 Betriebskosten von 10,4 Milliarden Franken aus, davon 57 Prozent Pensionskosten für Unterkunft, Verpflegung, Reinigung und Betreuung und 43 Prozent Kosten für Pflege, medizinisches Material und Medikamente (BFS, Erhebungsjahr 2018). Ein wesentlicher Teil dieser Kosten fällt unabhängig davon an, ob ein Bett belegt ist.
Einordnung: Der Engpass ist nicht das Bett
Aus den Befunden folgt eine Asymmetrie. Ein Bett lässt sich planen, finanzieren und bauen. Die Bauzeit ist bekannt, die Finanzierung verhandelbar, die Bewilligung ein Verfahren mit absehbarer Dauer. Für die Person, die neben dem Bett steht, gilt nichts davon.
Wie eng diese zweite Grösse ist, zeigen die aktuellen Obsan-Prognosen mit Horizont 2034. Der demografisch bedingte Zusatzbedarf an Pflege- und Betreuungspersonal steigt zwischen 2024 und 2034 je nach Szenario um 11 bis 33 Prozent, im mittleren Szenario um 22 Prozent. Hinzu kommt, dass rund 32 Prozent des heutigen Bestandes bis 2034 aus den Gesundheitsinstitutionen ausscheiden (Obsan-Prognosen 2026, wiedergegeben von ARTISET).
Auf der Angebotsseite steht dem eine Ausbildungsleistung gegenüber, die den Bedarf nicht deckt. Für eine ausreichende Versorgung müssten jährlich 6'700 bis 9'300 Pflegefachpersonen HF oder FH ein Diplom erwerben. Im Jahr 2024 waren es 3'350. Bis 2034 decken die inländischen Abschlüsse damit je nach Szenario 40 bis 55 Prozent des Bedarfs, im mittleren Szenario 47 Prozent (Obsan-Prognosen 2026).
Daraus folgt: Ein Bett ohne Fachperson ist kein Betriebsmittel, sondern eine gesperrte Kapazität. Die Bedarfsrechnung des Obsan beschreibt also nicht in erster Linie ein Bauprogramm, sondern ein Personalproblem in baulicher Form.
Was das in einzelnen Häusern bereits bedeutet
Die Auswirkungen sind nicht erst für 2040 dokumentiert. In der bündnerischen Surselva musste das Alters- und Pflegeheim Casa Sogn Martin in Trun Betten sperren, weil das Personal fehlte. Heimleiter Donat Nay beschrieb die Lage gegenüber der Südostschweiz mit den Worten: Die Nachfrage ist da, aber es fehlt das Personal. Der Markt sei ausgetrocknet, der Fachkräftemangel sein grösstes Problem.
Es handelt sich um die Schilderung einer einzelnen Einrichtung, nicht um einen statistischen Befund. Sie zeigt aber, in welcher Form sich die aggregierten Zahlen betrieblich niederschlagen: nicht als Wachstumsbremse, sondern als nicht belegbare Kapazität bei vorhandener Nachfrage.
Auf Verbandsebene wird derselbe Zusammenhang benannt. Daniel Höchli, Geschäftsführer der Föderation ARTISET, hält zu den neuen Obsan-Prognosen fest: Wir können den wachsenden Personalbedarf nicht allein dadurch lösen, dass wir immer mehr Menschen ausbilden.
«Die Nachfrage ist da, aber es fehlt das Personal.»
Donat Nay, Heimleiter Casa Sogn Martin, Trun GR, gegenüber der Südostschweiz